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Osprey Athleten: Ben Clark

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The view from the summit of 20,157’ Thorung peak.  Annapurna IV is in the background to the left.  Clark will be attempting a first descent of that peak in Spring 08’ Tim Clarke seconding a fine pitch of steep snow and ice on the ascent of 20,157’ Thorung Peak in the Annapurne Himal. Clarke and Ben Clark completed the climb with a first descent from the summit. Josh Butson swings a lead into the last 100’ of his and Ben Clark’s attempt on the savage sister.  Shortly after this photo was taken the pair downclimbed the 2’500 snow and ice line due to dangerous movement in the snowpack. The mightiest choss heap in the ChangPing Goa Valley of China. Camp three en route to the Savage Sister.  Clark and Josh butson made the first ascent of the peak on the right in October of 2007.  The pair named the peak "The Falcon". Chateau Bow-Wow Erstes Level

Ben Clark

Alpinist

Lieblingsrucksäcke: Atmos 65

BEGLEITET BEN BEI SEINEM NEUESTEN ABENTEUER!
In den nächsten 6 Wochen ist Ben mit seinen Gefährten zu Fuß und auf Skiern im Hochhimalaya in Nepal unterwegs.
Die aktuellsten Infos über ihr Abenteuer findet ihr unter www.skithehimalayas.com

Und CNN ist per Satellitentelefon mit dabei, wenn Ben Clark auf einer neuen Route im Himalaya klettert und auf Skiern herunterfährt:

 

Depesche 16: Erster Aufstieg
Mit schmutzigen Fingern stecke ich mir einen Zitronendrops in den Mund, meine Zunge fühlt sich wie Holz an. Die trockene Luft in 6.500 m Höhe an Nepals 7130 m hohen Baruntse hat mich völlig ausgedörrt, ich habe ständig Durst wie nach einem Alkoholgelage. Nach und nach legt sich der süße Geschmack meines Drops auf meinen trockenen und kratzigen Hals und füllt meinen schrumpfenden Magen mit ein paar Kalorien. Dann spüre ich die saure Zitronensäure am Zahnfleisch zwischen meinen Vorderzähnen, ein linderndes und zugleich brennendes Gefühl, das lange anhält. Am achten Tag unseres epischen Bergabenteuers wurden wir durch ein gewaltiges und unnachgiebiges Unwetter am Weitergehen gehindert. Eines von vielen ungeplanten Ereignissen, die einen im Himalaya überraschen.
 
An diesem Mittwoch heulte der Wind vor unserem Zelt. Die kalten Eisklumpen, die wir vor drei Tagen abgehackt und zu einem Vorsprung gelegt hatten, waren zu Schalensitzen gefroren, auf denen wir uns gegen die eisige Wand lehnten. Rings um unsere Plattform ging es an drei Seiten über 600 Meter in die Tiefe. Die erste Nacht war die schlimmste: Sturmböen kündigten das heranziehende Unwetter an, und Josh und ich lehnten uns gegen die Zeltwände an der Nordwand, damit sie nicht weggeblasen wurden. Bei Tagesanbruch sank ich wie ein Sterbender, der seinen letzten Atemzug tut, in einen traumlosen Schlaf. Es hatte mich einfach zu viel Kraft gekostet, aufrecht zu bleiben und ich sah nur noch orangefarbenes Nylon über mir flattern. Es war mir egal, ich würde den Kampf fortsetzen, wenn mein Körper ausgeruht war, ich war einfach zu müde.
 
Wir hatten unsere Position schnell erreicht. An der Nordostwand des Baruntse befanden wir uns über einer steilen und technischen Bergrippe. Bis zu dieser Stelle waren wir vier Tage lang ununterbrochen nach oben geklettert und hatten eine Strecke zurückgelegt, die völliges Neuland war. Der Aufstieg war spektakulär und von der technischen Schwierigkeit her vergleichbar mit solch klassischen alpinen Teststrecken wie dem Cassin-Grat des Denali. Allerdings befinden wir uns hier 450 Meter höher als der höchste Gipfel Nordamerikas. Wir sind eine moderne dreiköpfige Klettergruppe ... mit Skiern.
 
Ein unglaublicher Ort, wir konnten den Schnee schmecken, der vom Gipfel herunterfiel.
 
Der Tag, an dem wir bis hierher gestiegen waren, bot uns erstaunliche Einblicke in das Herz des Hochhimalaya – steiles Terrain, den Naturgewalten ausgesetzt und unerbittliches Bergwetter, das mit einer Riesenwucht auf uns herunterprasselte. Wir fühlten uns wie Ameisen auf der Schulter eines Elefanten ... winzig und bedeutungslos. Wir allein wussten, wie viel Spaß der Aufstieg macht, wir allein wussten, wie schwierig der Abstieg sein würde. Wir hatten vor, nach oben zu klettern und dann über die technische, aber dennoch leichtere Route am Barun-Gletscher zum Basislager abzufahren.
 
Doch an diesem Mittwoch kam alles anders...
 
Zum ersten Mal in drei Tagen konnten wir während einer kurzen Sturmpause das Zelt verlassen. Drei Tage lang konnten wir nicht austreten gehen, unser Zelt hatte keinen Vorraum und kaum Platz für uns drei, sodass wir zusammengerollt schlafen mussten. Wir schmolzen Schnee auf dem Campingkocher und schliefen tagsüber, denn in der Nacht ließ uns der peitschende Wind nicht zur Ruhe kommen.
 
Am Tag zuvor begannen wir uns um Jon Sorgen zu machen. Heute konnten wir das Zelt erstmals ein paar Minuten verlassen. Langsam setzte er sich auf, zog sich die Stiefel an und befestigte die Steigeisen. Dann sicherte er sich ab und querte hinüber zu einem fünf Meter entfernten Felsvorsprung. Wie bei einem Kleinkind, das seine ersten Schritte wagt, waren seine Beine sehr unsicher. Wir blieben peinlich berührt im Zelt zurück und ließen Jon in Ruhe, damit er seinen Darm sicher über dem Vorsprung entleeren kann. Jon hatte es erwischt, er litt an akuter Höhenkrankheit. Wir wussten, dass mit ihm etwas nicht stimmt, er hustete, musste sich übergeben, und jetzt war offensichtlich, dass er sich kaum bewegen konnte. Josh und ich überlegten, wie wir Jon sicher zum Basislager bringen können, sobald sich das Wetter bessert.
 
Die akute Höhenkrankheit (AMS) ist ein schwieriges Problem, wenn sie einen erwischt. Sie führt, wie in diesem Fall bei Jon, nicht zu permanenten Schäden. Die Symptome sind grippeartig: Husten, Übelkeit und allgemeines Unwohlsein führen zum Verlust der Motorik und beeinträchtigen die geistige Verfassung. Wir hatten Proviant für sechs Tage mitgenommen und diesen auf 10 Tage rationiert, doch jedes Mal, wenn wir Jon etwas Nahrung einflössten... brachte er es wieder hoch, und das mehrmals. Nach und nach schwächten wir das gesamte Team in dem Bemühen, Jon bei Kräften zu halten. Wir machten uns keine Sorgen um seinen geistigen Zustand, aber wir rationierten unsere Nahrungsmittelaufnahme auf täglich 600 Kalorien und weniger als 1 Liter Wasser und drangen ihn bei jeder Gelegenheit dazu, etwas zu essen und zu trinken. Als es am dritten Tag nur noch schlimmer wurde und er Anzeichen von schweren Motorikstörungen zeigte, mussten wir das Unwahrscheinliche versuchen ... und dieselbe Route im Sturm hinabsteigen.
 
Wir befanden uns einen langen und technischen Abstieg vom Ziel entfernt.
 
Um vier Uhr morgens standen wir am Donnerstag auf und bereiteten uns auf den Abstieg vor. Wir tranken Wasser, aßen Haferbrei und packten unsere dehydrierten Körper in so viele Kleidungsstücke wie möglich. Der Blick nach oben machte uns deutlich, dass der Aufstieg einfacher war, in unserem Herzen war uns schmerzlich bewusst, dass er machbar war. Sicherheit für das Team schrieb jedoch den Abstieg vor, wir konnten nicht bewusst das Risiko eingehen, Jon der Gipfelhöhe auszusetzen. Der erste Schritt bei der Behandlung der Höhenkrankheit besteht darin, den Patienten nach unten zu bringen.
 
Wir packten unsere Ausrüstung zusammen und dann seilte ich mich mit Jon zum Felsvorsprung ab. Zwischen Kot und Urin sitzend zeigte ich Jon die wunderschöne Bergwelt, die uns umgab, während Josh das Zelt einpackte. Wir schauten uns den Makalu, Lhotse und die herrlichen schneebedeckten Gipfel in der Ferne an. So sieht der Himalaya nach einem großen Sturm aus.
 
Eine Stunde später und 70 Meter tiefer wartete ich darauf, dass Jon sich zu mir abseilt ... aber er konnte es nicht. Ich verstand nicht, warum, denn das Seil war lang genug und die Fixpunkte waren sicher. Dann sprach ich mit Josh. Jede kleinste Bewegung machte aus Jon einen Zombie. Er hatte kein Gefühl mehr in der rechten Hand und in der rechten Gesichtshälfte. Er war irgendwo in seinem Körper, aber er hatte die Beherrschung über seinen Körper verloren. Dabei hatten wir gerade erst mit dem Abstieg begonnen.
 
Es ging nur noch ums nackte Überleben, und wir hatten Glück: die Sonne schien. Josh und ich bauten auf unsere Ausrüstung und Erfahrung, um mit allen Klettertricks und -künsten Jon auf unserer Aufstiegsroute sicher nach unten zu bringen. Er war warm und trocken, und er hatte vor allem anderen Vorrang. Ich besteige Berge mit Partnern wie Josh und Jon, weil ich weiß, dass wir alles nach unten bringen können, was wir hinaufgebracht haben. Zum Glück war ich bis zu diesem Tag von einer Rettungsaktion wie dieser verschont geblieben.
 
Bis wir die Bergsteiger links von unserer Route erreicht hatten, hatten wir einen Fluchtweg parat. Ohne Pause würden wir um die anfänglichen technischen Schwierigkeiten herumkommen, aber wir durften keinen Fehler machen, 3 Meter trennten uns von der Katastrophe. Wir hatten die Schlucht eines enormen Hängegletschers erreicht. Wenn wir uns rechts hielten, dürfte nichts passieren. Manchmal mussten wir jedoch zur Mitte ausweichen, und das war wie russisches Roulette. Sekunden fühlten sich wie eine Ewigkeit an und wir setzten uns immer nur wenige Minuten der Gefahr aus. Wie ein schuftiger Ehebrecher in einem thailändischen Bordell ging mir immer wieder die Frage durch den Kopf: "Ich bin verheiratet, was zum Teufel habe ich hier zu suchen?" Dann schaute ich nach oben und sah eine schwankende Figur in meine Fußstapfen treten, die im frischen Schnee tiefe Spuren hinterließen. Wir waren dabei, unseren Freund zu retten, das waren wir ihm schuldig. Um alles in der Welt würde ich diesen Mann von diesem Berg herunterholen.
 
Als wir aus der Schlucht herauskamen, waren wir vor herabstürzenden Eis sicher. Jetzt mussten wir über Hänge mit hüfthohem Schnee hinunter zu unserem ersten Lager. Dunkle Sturmwolken zogen erneut herauf und verringerten die Sichtbarkeit. Auch wenn sich Jons geistige Verfassung mit jedem Schritt nach unten verbesserte, war er äußerst erschöpft und mir machte der tiefe Schnee zu schaffen. Ich starrte nach vorn, während es Weiß von den Felssplittern rieselte, unter denen wir uns entlang bewegten. Ich ließ Josh die Führung übernehmen, denn nach all dem anstrengenden Herabklettern war mein Körper schwächer als mein Wille. Drei Stunden später liefen wir im Zwielicht über sanftere Hänge zum Lager hinab. Der erste Tag war vorbei.
 
Langsam tauten meine Füße wieder auf, und an meinem zweiten Zeh bildeten sich kleine Blasen. Das Auf- und Abklettern über hunderte Höhenmeter hatte seinen Tribut gefordert, unsere ausgetrockneten und ausgemergelten Körper waren der Gefahr von Erfrierungen ausgesetzt. Wir hatten Jon und uns selbst in Sicherheit gebracht. Morgen würden wir durch die riskante Schlucht 370 Meter zur Gletschermoräne steigen und unseren letzten und leichten Abstieg zum Basislager in 5300 m Höhe beginnen, wo wir uns von den Anstrengungen erholen würden. Die Angst hatte nachgelassen, Jon ging es immer besser.
 
Beim Herabseilen am nächsten Morgen war Jon geistig wieder voll da. Er ist einfach ein toller und erstklassiger Mensch und Sportler und kann nichts für seine Erkrankung, sie kann jeden erwischen. Zutiefst erschöpft sprach er mit uns, bis wir weniger steilen Boden erreichten, dann lehnte er sich in den Hang und ruhte sich aus.
 
Der Sturm hatte erstaunlich viel Niederschlag gebracht, lockeres Felsgestein bedeckte die sandigen Hänge und klaffende Löcher in der Geröllhalde waren mit Wasser gefüllt. Das Geröll war tief und wir kamen nur langsam aber auch wesentlich sicherer voran. Langsam aber sicher bewegten wir uns nach unten in unebenes aber flacheres Gelände.
 
Plötzlich hörten wir etwas. Dann hörten wie es wieder.
 
Shewong, ein Koch aus unserem Lager, kam uns entgegen gerannt. Wir hatten ihn 10 Tage nicht gesehen. Unsere Köche Dorje, Gelu und Shewong hatten von den Orkanböen und Schnee auf dem Makalu gehört und glaubten, wir hätten es vielleicht nicht geschafft. Viele Menschen auf diesem Berg hatten Angst gehabt, obwohl es dort ständige Lager und Seile vom Gipfel bis zum Fuß gibt. Die Chancen, dass eine kleine Gruppe mit weniger Ressourcen und ganz auf sich allein gestellt das Unwetter übersteht, schienen gleich Null zu sein. Sie wussten, was wir an Proviant mitgenommen hatten und dass wir damit sparsam umgehen mussten. Ich lächelte und kicherte und freute mich riesig, einen anderen Menschen zu sehen. Ich dachte: Mann, da haben wir uns am Abend zuvor von CNN interviewen lassen und waren mit unseren Lieben daheim per E-Mail in Kontakt, und die Menschen in diesem äußerst realen und lebendigen Umfeld hier glaubten, wir würden vielleicht nicht mehr zurückkommen. Die Energie und das Verbundenheitsgefühl mit ihnen hatten eine Dimension erreicht, wie sie moderne Technik nie herstellen kann.
 
Es begann wieder zu schneien, und Jon musste sich übergeben. Wir setzten uns die Rucksäcke auf und machten uns über die schneebedeckte Moräne auf den Weg zum Basislager.
 
Selbst hier, in 5300 Meter Höhe, waren mehrere Zentimeter Neuschnee gefallen. Der Sturm war gewaltig gewesen und ich werde dieses Erlebnis nie vergessen. Auch die lächelnden Gesichter von Gelu, Dorje und Shewong werde ich für immer in Erinnerung behalten.
 
Josh und ich wollen über den östlichen Zweig des Gletschers zum Südostsporn hinaufklettern und dann wie geplant auf Skiern abfahren. Wir werden wahrscheinlich am Montagmorgen aufbrechen und vermutlich nach drei Tagen zurück sein.
 
Jon geht es viel besser. Er hustet nicht mehr, ihm wird nicht mehr übel und er hat Josh beim Kartenspielen hoch geschlagen. Er isst auch alles, was ihm vorgesetzt wird. Er wird im Basislager bleiben, bis wir zurück sind. Wir sind sehr stolz auf ihn, und er hätte dasselbe für uns getan.

Depesche 17: Was wir gelernt haben
Am Montag brechen Josh Butson und ich kurz vor Tagesanbruch auf, um zum zweiten Mal innerhalb von einer Woche den Aufstieg zum Baruntse zu wagen. Mit der schwindenden Dunkelheit treten die gewaltigen Gipfel des Himalaya hervor, doch flößen uns die schicksalsschwangeren Felswände diesmal keine Angst ein. Wir hatten uns gerade zwei Tage lang von dem monumentalsten Erlebnis unseres Lebens erholt. Wir sind nun einmal Erforscher des Himalaya. Wir klettern, fahren Ski und überleben in diesem Gebirge.
 
Langsam hebt sich der schneebedeckte Gipfel des Baruntse vor dem violetten Morgenhimmel ab und wird von der aufgehenden Sonne zum Glühen gebracht, wie ein brennender Hut in der Dämmerung. Der Morgen war unglaublich schön. Die Luft war still. Nur unsere Lungen schienen hart zu arbeiten.
 
Nach kurzer Zeit erreichten wir das Lager, in dem wir unsere Skis und technische Ausrüstung während der Rettung unseres Teamkollegen Jon Miller zurückgelassen hatten. Noch immer lag das Erbrochene von Jon neben meinen Steigeisen. Wieder einmal wurde ich an die Gewalten des Hochgebirges erinnert, und es war noch gar nicht lange her, dass wir diese am eigenen Leib erlebten. Vor drei Tagen hatten wir das Glück, an derselben Stelle, an der wir jetzt standen, die Talsohle erreicht zu haben. Warum also wieder nach oben steigen? Wir kannten unsere Grenzen. Josh und ich haben als Zwei-Mann-Team reichlich Erfahrung bei der Erkundung von unbekannten hohen Bergen.
 
Einige Momente zuvor begann Josh beim Entleeren der Blase zu würgen, als ob er sich übergeben musste. Ich hatte es weder gesehen noch gehört, aber er ließ es mich wissen. Wir hatten uns beide nach den Tagen im Basislager frisch und erholt gefühlt, aber die Höhe kann ohne Vorwarnung zuschlagen. Die Akklimatisierung geht oft zu Ungunsten von Fitness und Gesundheit.
 
Wir bewegten uns langsam an der unteren Moräne entlang, bis wir den Fuß des Gletschers erreichten.  Ich hatte die Führung übernommen, und mit Skistiefeln und Steigeisen stapfte ich unbeholfen durch den verkrusteten Schnee, der über weißen runden Felsbrocken lag. Nach unserem vorherigen Erlebnis kam mir dieses Gelände kinderleicht vor. Ich hätte auf meinen halberfrorenen Füßen bis zum Gipfel und zurück laufen können. Ich liebe die Berge, sie sind mein Leben. Die unglaubliche Rettung unseres Freundes vor wenigen Tagen erhöhte nur meinen Respekt und Ehrfurcht vor den Bergen, was wiederum dazu beiträgt, dass ich mich sicherer auf ihnen bewege. Beim Bergsteigen tausche ich meistens Unsicherheit gegen Verständnis ein, und das macht die Zeit, die ich dafür investiere, lohnenswert.
 
Wir hielten neben einem Schneeklumpen an, der wie ein Drachenschwanz aussah, und sicherten uns mit Seilen für den Aufstieg ab. Von hier aus wollten wir die unteren Hänge am östlichen Zweig des Barun-Gletschers besteigen und über eine steile aber unkomplizierte Route aus Schnee und Eis zum Gipfel klettern, der eine vertikale Meile über uns thronte. Josh erklärte mir dabei, wie er sich fühlte. Da ich gewöhnlich auch gute und schlechte Tage habe, sagte ich ihm, er solle sich keine Sorgen machen. Ich fühlte mich ausgezeichnet und würde solange die Führung übernehmen, wie notwendig.
 
Ich hätte es wissen sollen ... wir funktionieren nur als Team.
 
Wir stießen uns kräftig an dem tierischen Klumpen ab und auf ging es. Die Sonne brachte den weißen Schnee zum Glitzern und eine leichte Brise wehte auf uns herab, während starke Winde über uns den Schnee vom Südostsporn bliesen. Besser hätte ich es mir nicht wünschen können: Mit einem meiner besten Freunde an einem sonnigen Tag mit blauem Himmel unter der Ostwand des Baruntse in einem der tollsten Gebirge der Welt zu klettern. Mäßiger Schwierigkeitsgrad, wenig Gefahren, ein relativ sicherer Gletscher und die zweite Etappe auf dem Weg zum Ziel unserer Reise ... ahhhhh Skifahren.
 
Dann hörte ich wie John 30 Meter entfernt durch seinen trockenen Hals die Luft ausstieß und mühsam krächzte: "Sorry!" Das Wort schwebte wie eine Feder durch die dünne Luft zu mir und donnerte gleichzeitig wie ein Wasserfall durch meinen Kopf und in das Tal hinein.
 
Ich drehte mich um, machte auf dem linken Fuß kehrt, nahm das Seil in meine linke Hand und ließ mich hinunter. Wie ein stolzer Vater sagte ich: "Fein gemacht, Josh, lass uns umkehren!" Als ich ihn erreichte, hing er ganz still und geschafft. Das lila Seil schlitterte wie eine Schlange, die sich von der Schwerkraft ernährt, an ihm vorbei nach unten in die Tiefe. Die Enttäuschung stand Josh im Gesicht geschrieben, ich werde diesen Ausdruck wohl nie vergessen. So etwas war ihm noch nie passiert. 2 Tage, 3 Tage oder gar 10 Tage reichten einfach nicht aus, um sich von den Strapazen der Rettung Jons zu erholen. Unglaublich, dachte ich, einfach unglaublich.
 
Ein Kletterdrama wie unseres nimmt oft ein tragisches Ende. Eine Odyssee endet im Tod und für diejenigen, die zurückbleiben, vermischen sich die schönen Erinnerungen an die Berge mit Elend und Geheimnis. Wer braucht so etwas schon, die Bergliteratur ist voller Geschichten, die davon erzählen. Unsere Erfahrungen inspirieren uns und lehren uns Demut und Bescheidenheit statt unser Leben wie bei einer Suchtkrankheit zu verderben.
 
Ich muss zugeben: Als wir gestern nach unserem Abstieg im Lager ankamen, trank ich Kaffee, dann ging ich ins Zelt und bemitleidete mich. Ich verzog mich in meinen Schlafsack. Keine Ausblick und keine Gelegenheit für meine gesunden und kräftigen Muskeln, sich in den Bergen zu beweisen. Stattdessen saß ich fest, der einzige, der noch übrig blieb. Einen Moment lang wollte ich das Bergsteigen hinschmeißen oder mich allein zum Gipfel aufmachen. Das ist natürlich Quatsch. Noch nie hatte ich eine Expedition wie diese erlebt.
 
Der Everest, den ich mit 23 Jahren bestiegen hatte, warf seine Schatten und ich wurde ein bisschen erwachsener ... endlich. Wir sind hierher gekommen, um ein neues Kapitel im Buch des modernen Alpinismus und Skibergsteigens zu schreiben. Wir wollten unsere technischen Fähigkeiten in den Bergen auf einzigartige Weise zum Ausdruck bringen. Technisches Fels- und Eisklettern und Skibergsteigen mit minimaler Ausrüstung und umweltbewusster Ethik sind einzigartig und verbinden alle Facetten des alpinen Sports.
 
Das ist meine dritte Expedition in den Himalaya, bei der wir auf diese Weise kletterten. In diesem Jahr haben wir eine neue Route ausprobiert. Wir haben niemals vergessen, wer wir sind und warum wir hierher gekommen sind: Forscher, die ein fernes Abenteuer suchen, das sie aus eigener Kraft bestreiten. Wir wollen nicht den Stil anderer verbessern, wir wollen einfach etwas völlig Neues probieren.
 
Was die Umwelt angelangt, haben wir wenig mehr als unsere Fußstapfen hinterlassen, einen Pfahl, einen Verschlusskarabiner und zwei Nylonschlaufen ... irgendwo auf 1500 Metern Felsen und Eis. Wir haben nie die Kontrolle verloren, wir haben einen Freund und ein Leben gerettet, indem wir auf einer völlig unbekannten Route umgekehrt sind. Und wir drei können heute im Zelt sitzen und zusammen darüber lachen. Das war ein Bergdrama, das gut ausging.
 
Als ich die Hubschrauber vorbeifliegen höre, die die verletzten Bergsteiger auf dem Rückweg vom nahe gelegenen Makalu abholen, weiß ich, wie viel Glück wir hatten.  Das Unwetter, das uns vier Tage und fünf schlimme Nächte am Berg im Zelt festhielt, hatte auch dort keine Gnade walten lassen. Uns fehlten die Ressourcen und Sicherheitsleinen, die den Bergsteigern dort zur Verfügung standen, und trotzdem können wir aus eigener Kraft den wochenlangen Rückweg in die Zivilisation antreten. Die Berge sind hier gnadenlos, und ich kann es den verletzten Bergsteigern nicht verdenken, dass sie sich vom Hubschrauber nach Hause bringen lassen.
 
Ich glaube, dass der menschliche Wille, wenn auf sich allein gestellt, im Kampf gegen die Elemente oft besser ist als jegliche Sicherheits- und Infrastrukturmaßnahmen, die auf einem Berg eingerichtet werden. Sicher haben wir mächtig gelitten, und es stimmt, dass unsere vor Kälte tauben und leicht erfrorenen Hände und Füße schmerzen. Doch sind wir als selbständiges, verantwortliches und sicheres Team hierher gekommen und waren zur Rettung auf uns selbst angewiesen. Morgen werden wir genauso nach Hause zurückkehren. Gesund, als Freunde und Partner und natürlich, ohne einen Gipfel erreicht zu haben!
 
Ein Lieblingszitat drückt aus, was ich über das Scheitern und den alpinen Weg denke. Es stammt aus einem Artikel der Zeitschrift "Rolling Stone", der von Ethan Hawke verfasst wurde und vom Leben von Kris Kristofferson handelt. Der erfolgreiche Protagonist antwortete auf die Frage, was ihn inspiriert, in etwa so:
 
"Wer früh im Leben großen Erfolg hat und keine noch größeren Misserfolge draufsetzt, wird immer spirituelles Mittelmaß bleiben."
 
Als ich den Everest vor sechs Jahren zum ersten Mal sah, wurde dieses Zitat für mich Wirklichkeit. Der Pfad vom Gipfel des Everest bis zum diesjährigen Vorhaben am Baruntse war neben meiner Ehe der beste spirituelle Prozess für mich. So wie die Meile in vier Minuten zu laufen, Fliegen zu lernen, einen doppelten Rückwärtssalto zu stehen ... betraten wir Neuland und wurden mit jedem Versuch besser und besser ... ohne die Kontrolle zu verlieren und uns zu gefährden, voller Disziplin und Hingabe. Wir werden unser Ziel erreichen, aber nur, wenn wir dies sicher und unverletzt tun können, das ist unsere Faustregel ... und davon weichen wir nicht ab.
 
Viele technische Faktoren sind zu beachten, wenn wir mehrere Aspekte des Hochgebirges vereinigen. Man muss über die Höhenkrankheit und ihre Behandlung Bescheid wissen, über das Bergsteigen, Abseilen und die Schneebeschaffenheit. Man geht viele Risiken ein. Es macht Spaß, Bergsteigen und Skibergsteigen im Hochgebirge zu verbinden, neue Routen auszuprobieren, um einen Quergang am Berg zu erreichen oder eine Bergkette zu sehen ... wenn man gut vorbereitet ist, steht dem nichts im Weg! Wir werden weitermachen. Wir hätten es zum Baruntse geschafft, das Gelände war sicher, aber unsere Körper machten einen Strich durch die Rechnung. Wir hatten einfach Pech. In den Bergen geht es um Leben oder Tod.
 
Das Gefühl, etwas erreicht zu haben, wenn man sich Großes vornimmt und kontrolliert scheitert, war für uns alle eine aufregende Erfahrung. Wir hatten keinen Rettungsanker, keinen Ausweg. Wer sich etwas fest vornimmt, braucht diese nicht. Wenn man seiner Leidenschaft nachgeht, kommen die Berge zu einem.

Depesche 18: Rückkehr
Gelbe, kniehohe Gummistiefel. Woran denkt man, wenn man sie sieht? Ich fand sie immer niedlich, ein Relikt der Vergangenheit, bis ich 200 Paar davon auf unserem Rückmarsch zum Flughafen und Ort Tumlingtar sah. Komisches Schuhwerk, wenn man 50 Kilogramm auf dem Rücken schleppt, dachte ich.
 
Als ich durch dicken und klebrigen Schlamm nach unten rutschte und strauchelte, konnte ich nur noch an meine Füße denken, wie ich Meter um Meter, Zentimeter und Zentimeter verlor. Und dann musste ich daran denken, wie ich den Schlamm aus den Schuhsohlen herauskratzen und meine Füße trocknen und am Ende des Tages hochlegen würde. An manchen Tagen kamen Jon, Josh und ich über 30 km voran, an anderen nur wenig mehr. Während der Hinmarsch 15 Tage gedauert hatte, schafften wir es in fünf Tagen durch schlammgefüllte Gräben und fließendes Wasser zurück. Die Berge sind geheimnisvoll, die gelben Gummistiefel aber nicht mehr. Was für ein Unterschied zu unserem Erlebnis hoch in den Bergen, was für eine dramatische Reise durch weites Land.
 
Am 7130 Meter hohen Baruntse ist die Landschaft steril, sandig und trocken. Braun und Weiß. Gnadenlose Kälte. Die Wälder und der Dschungel sind dagegen üppig grün und voller Leben wie ein gewaltiger sauerstoffproduzierender Organismus. Nach der kargen Höhenlandschaft ist diese grüne Fülle ein Genuss, so als würde man ein Milchshake statt Wasser trinken.
 
Manchmal ist es auch überwältigend. Sicher kann man diese Erfahrungen rationell erklären, doch meistens sind sie sehr persönlich für mich. Wenn ich an diese Expedition zurückdenke, kommen mir vor allem zwei Momente in den Sinn. Der erste war, als ich nachmittags um etwa 15.30 Uhr an der Eisrippe an der Nordostwand des Baruntse tief in Gedanken versunken durch den Schnee stapfte, der über den glatten Rücken rechts von mir wirbelte. Es kam mir so vor, als würde ich an einer von Schnee und Eis bedeckten Haifischflosse entlang klettern...240 Meter hoch und in der dünnen Luft in über 6300 Meter Höhe fühlt es sich an, als würde man gegen eine schnelle Strömung treiben. Die Sonne ging im Westen unter und ich stieg auf einen schmalen Vorsprung und schaute hinüber. Ich sah, was ich unbedingt sehen musste.
 
Es sah aus, als ob die Wolken mit Feuer auf grandiosen Bergwänden spielten, die so hoch waren, dass ein Körper selbst aus der Nähe betrachtet kleiner als der Punkt am Ende dieses Satzes wäre. Die Unwetter, die in diesen Bergen toben, lassen sich mit nichts vergleichen. Diese Berge sind die letzte Landverbindung zwischen uns und dem Weltall, das zu jeder Zeit klar zu sehen ist.  Die Rettung meines Teamkollegen nach vier Tagen im Zelt, in die uns der schlimmste Sturm der Saison verbannte, machte mir klar, dass es nur sehr wenige Menschen gibt, die so etwas erleben.
 
Der zweite Moment war netter. Auf unserem Rückmarsch vom Basislager kamen wir am zweiten Tag in das Gebiet oberhalb von Kongma und ich konnte plötzlich nicht mehr laufen. Ich meine... ich blieb wie angewurzelt stehen.
 
Die Landschaft war so umwerfend schön und ich davon so überwältigt, dass ich wie versteinert dastand. Wir waren fast drei Tage durch Nebel gelaufen, der am Ende so dicht war, dass man fast die Hand vor Augen nicht mehr sehen konnte. Es war schwer genug, den Weg nicht aus den Augen zu verlieren. Es fing mit Nieselregen an, der in Regen überging und dann ... kurz vor Sonnenuntergang hellte es endlich auf. Von einem Felsen, der mich an die Chimney Tops in den Smoky Mountains erinnerte, hatte ich eine herrliche Rundum-Aussicht. Wolkenfetzen zerteilten die Umweltzonen vom Dschungel bis zum zerklüfteten schneebedeckten Gipfel. Die Sonne schien durch eine kleine Öffnung in der Wolkendecke und erleuchtete die dicht bewachsenen Berghänge rechts vom Weg. Und ich wünschte mir nichts mehr, als mit meiner Frau und unserem Hund hier zu sein. Es war ein wunderbarer Moment, der mich mit Dankbarkeit für dieses wunderbare Leben erfüllte. Zum ersten Mal vergaß ich die Berge und den Aufstieg, der meine schmerzenden Füße noch kilometerweit auf Pfaden und durch tagelange Feuchtigkeit lenkte. Der Monsun war hier, und endlich erlebte ich ihn auch einmal.
 
Jedes Jahr sind Josh Butson, Jon Miller und ich etwas länger unterwegs. Dieses Jahr werden es 51 Tage sein. 47 Tage bis zur nächsten Dusche, 15 Tage bis zum Basislager, 4 Tage in zu großer Höhe. Jeder einzelne Tag hat sich gelohnt. Mit den besten Partnern in der ganzen Welt.
 
Aber was kommt danach?
 
Wir werden den Aufstieg zum Baruntse 2010 erneut in Angriff nehmen. Diese Route ist unglaublich und wir haben uns fest vorgenommen, sie zu vollenden und auf Skiern abzufahren. Wir werden auf Sicherheit und Umweltverträglichkeit achten. Ich bin schon lange nicht mehr zu einem Berg zurückgekehrt, doch diesmal werden wir zurückkommen ... und unglaubliche Geschichte in Nepal schreiben.
 
So wie auf dem steilen Hang am Baruntse bleiben wir auch in Katmandu eine Weile stecken. Wir warten auf einen Flug und Katmandu ist einfach verrückt. Eigentlich stimmt das nicht ganz, Thamel ist verrückt. Dieses geschäftige Handelsviertel im Herzen der Stadt ist wie Vegas ohne Auto. Ladenbesitzer vergleichen die Revolution, die hier vor sich geht, mit den 60er Jahren. Man muss nur das Portemonnaie festhalten, bis man aus der Tür heraus ist.
 
In einem Restaurant schreiben dünne westliche Menschen mit roten Gesichtern, in denen Sonnenbrillen helle Flecken hinterlassen haben, auf dem Laptop. Draußen auf der Straße grüßen und beglückwünschen sich Everest-Bergsteiger und andere Hochgebirgswanderer, die in großen Gruppen unterwegs sind. Da gibt es die Ausgebürgerten, an jeder Ecke oder alle 20 Meter steht ein Verkäufer, der Tiger-Balsam und Haschisch verkauft... da ist der Flötenhändler, die Bettler. Aber nirgendwo gibt es Taschendiebe oder andere Ganoven. Die Einheimischen sind sehr nett. Die vielen Verkäufer können nerven, aber die Stadt, in der morgen schon wieder gestreikt werden kann, um mehr vom Staat zu fordern, ist unglaublich sicher. Das werde ich immer an Nepal schätzen: Anstand und Höflichkeit.
 
Gestern Abend aßen wir in einem Restaurant neben einem nepalesischen Schlag-, Bläser- und Tanzensemble, als plötzliche westliche Klänge wie eine eiserne Faust auf uns einhämmerten und uns vom Essen ablenkten. Es war Rock'n'Roll. Richtig guter Rock'n'Roll aus einer Zeit, in der Josh und Jon und ich diese Musikrichtung entdeckten. Pearl Jam, Candlebox, Dire Straits, Guns and Roses... und die Zugaben.
 
Wir bezahlten die Rechnung und liefen zwei Etagen nach oben zur Bar, aus der die Musik kam. Eine echt gute Band spielte modernen Rock'n'Roll vor einem Publikum aus 200 Nepalesen, drei Briten ... und uns. Westliche Musik in einer einheimischen Bar. Wir blieben dort, und ich konnte es überhaupt nicht fassen, wie gut diese Show war. Sie kannten Pink Floyd, sie kannten mächtige Power-Balladen...der Sänger hatte eine tolle Stimme und dann standen zwei Mädchen auf und tanzten auf dem Tisch und die Menge kannte kein Halten mehr. Zum Schluss spielten sie AC DC's "Highway to Hell". Mann, das hat uns echt umgehauen. Unsere Popkultur erlebt hier eine Renaissance.
 
Es ist Zeit, nach Hause zurückzukehren.
 
Nepal hat sich verändert. Bergsteigen, Reisen, Wandern – all das ist Teil von Nepal, aber auch diese unglaubliche Kultur. Sie jedes Jahr zu erleben ist einfach toll und auf jeden Fall unterhaltsam. Und die Berge sind noch toller. 
Begleitet uns auch im nächsten Jahr! Unter www.skithehimalayas.com
 
Wir möchten uns bei den folgenden Sponsoren und Trägern bedanken:
 
Mountain Hardwear
Osprey Backpacks
Sterling Ropes
Garmont
Dynafit
Smith Optics
Clif Bar
Petzl
Plum TV
Telluride Ski and Golf
 
Unser Dank geht auch an folgende Personen:
 
Annie Clark
Tara Butson
Jerry Clark
Jonathan Miller(www.therestofeverest.com)
Dan Wright
Doug Lindauer