
Osprey-Vertriebsdirektor
und Vorstandsmitglied der Conservation Alliance Gareth Martins wurde kürzlich von der Alaska Wilderness League nach Südost-Alaska eingeladen. Zusammen mit dem Geschäftsführer der Conservation Alliance John Sterling und Hans Cole, Environmental Grants Manager bei Patagonia, konnte er sich mit eigenen Augen davon überzeugen, was für den Schutz dieses außerordentlichen Gebietes getan wird.
Der Flug von Seattle nach Ketchikan ist relativ kurz, aber es kommt einem so vor, als trete man in eine völlig andere Welt ein. Als ich beim Anflug auf den Flughafen an diesem bewölkten Nachmittag aus dem Fenster schaute, sah ich nur Wasser, wohin ich auch blickte. Plötzlich kam Land in Sicht, und jeder Zentimeter war mit saftigem Grün und Bäumen bedeckt. Dann eine abgeholzte Fläche. Dann das riesigste Sägewerk, das ich je gesehen hatte. Schließlich die Landebahn. Und wir waren unten. Alles ist sofort langsamer, die Leute sind kräftiger, widerstandsfähiger und relaxter.
Wir trafen uns mit John Sterling und Hans Cole und fuhren zusammen zum Wasserflugzeughafen (neben dem Ketchikan International Airport), wo wir mit unseren Gastgebern Laurie Cooper, Leiterin des Programms Regenwald, und Justin Bricarell, Direktor für Unternehmens- und Jährliche Spenden (das ist wenigstens ein ehrlicher Jobtitel) bei der Alaska Wilderness League zusammentrafen. Sie befanden sich bereits an Bord unseres Flugzeugs, das uns nach Craig bringen sollte. Craig ist das Zentrum der Insel Prince of Wales, der drittgrößten Insel der Vereinigten Staaten. Wie wir später sehen sollten, ist die Insel ein ausgezeichneter Indikator dafür, was im Süden des Tongass National Forest vor sich geht.
Im Gegensatz zu anderen Nationalforsten ist die kommerzielle Abholzung in den straßenlosen Gebieten des Tongass National Forest gestattet. Es ist jedoch sehr teuer, Straßen zum Abtransport der gefällten Bäume im wilden Südost-Alaska zu bauen, sodass die Abholzung in dieser Region bislang nicht sehr profitabel war und die Steuerzahler jahrelang dafür aufkommen mussten. 9.000 km Straßen ziehen sich durch den Tongass und kosten pro Jahr 40 Millionen Dollar. Und das alles für einen Wirtschaftszweig, der weniger als 200 Menschen in der Region beschäftigt. Dagegen arbeiten mehr als 10.000 Menschen in den Bereichen Fischerei und Tourismus.
Deshalb engagiert sich die AWL gegen die Abholzung und für den Schutz der verbliebenen alten Bäume im Tongass. Das Parlament hat mit überwältigender Mehrheit Gesetzesentwürfe angenommen, die ein Ende der Subventionierung des Straßenbaus aus Steuergeldern fordern. Leider sind dem bisher keine konkreten Taten gefolgt. Die Vorzüge liegen klar auf der Hand: die Wiederherstellung von Wasserscheiden, eine Holzwirtschaft, die umweltverträgliche Praktiken einführt und vor allem der Schutz eines der ältesten Wälder unseres Planeten, dessen Bäume uns alle mit lebenswichtigem Sauerstoff versorgen.

Beim Abendbrot stoßen Tim Bristol, Programmdirektor in Alaska von Trout Unlimited, und Mike McKimens, Kapitän der mächtigen MS NaPali zu uns. Jetzt ist unsere Gruppe vollständig und nach einem leckeren Mahl aus Lachs und Heilbutt wollen wir endlich den wunderschönen Tongass National Forest kennenlernen.
Zunächst besuchen wir Fubar Creek, ein von der Forstverwaltung finanziertes Projekt, das einen wichtigen Bach auf der Insel wiederherstellte. Vor Beginn des Projekts wurden die Bäume bis zum Bach gefällt, was dazu führte, dass immer mehr Erlen am Bachufer wuchsen und große Bäume verdrängten. So konnten diese nicht mehr in den Bach fallen und Fischhabitate bilden. Außerdem wurde der Bachverlauf durch den Bau von Alphaltstraßen begradigt, was die Erosion beschleunigte. Tim Bristol überzeugte die Forstverwaltung davon, das Projekt zu finanzieren. Im Ergebnis entstand ein kurvenreicher Bach, der von großen wirbelbildenden Baumstämmen durchzogen ist.
Unsere Fahrt führte uns an unglaublich zerstörten Landschaften vorbei, mit starkem und chaotischem Holzeinschlag. Ein ziemlich deprimierender Anblick an einem Tag mit niedrig hängenden Wolken und häufigem Regen (schließlich sind wir in einem Regenwald). Einige Zeit später werden wir jedoch für unsere Geduld belohnt. Wir parken am Straßenrand und wandern ein kurzes Stück zu dem atemberaubend schönen Thorne River. Tim erzählt uns, dass man hier auf 30 km mit dem Kanu fahren kann, was den Fluss zu einem beliebten Ausflugsziel für Touristen macht. Abholzung würde seinen besonderen Charakter natürlich nur zerstören.
Nach unserem kurzen Abstecher zur Insel Prince of Wales steigen wir an Bord der MS Na Pali, wo wir die nächsten drei Tage verbringen werden (nachts wird am Ufer gezeltet). Kapitän Mike organisiert nicht nur Angelausflüge, sondern verbringt auch viel Zeit damit, die Holzwirtschaft von umweltverträglichen Praktiken zu überzeugen. Außerdem half er bei der Realisierung eines Biomasseprojekts zur Erzeugung von Warmwasser für Schulen und ein Schwimmbad in Craig mit. Dabei werden Holzabfälle in Briketts gepresst, die zu Heizzwecken verbrannt werden und eine viel nachhaltigere Heizquelle darstellen als Erdöl. Wir fahren zur Insel Esquibe und schlagen unser Lager am Rande eines dichten Waldes auf. Die Vielfalt der Flora und Fauna ist einfach verblüffend. Der Waldboden ist dicht mit Unterholz bewachsen. In Ufernähe wimmelt es von Meerestieren in Gezeitenbecken. Hans und ich machen eine kleine Kajaktour und werden von Seeottern und Seelöwen begrüßt. Und Weißkopfseeadler gibt es hier so viele wie anderswo Rotkehlchen.
Am nächsten Morgen machen John, Hans und ich uns im Kajak erneut auf den Weg. Am Abend zuvor hatten wir von Bord der Na Pali aus einen großen Buckelwal in der Nähe einer kleinen Felseninsel gesichtet. Wir hoffen, den Wal noch einmal sehen zu können, und staunen nicht schlecht, als er in der Ferne plötzlich aus dem Wasser schießt. Die nächsten Stunden paddeln wir auf der Stelle und schauen dem Wal zu, wie er in einem Algenfeld in der Nähe der Insel seine Runden zieht. Einmal springt der Wal nur 20 Meter von John und mir entfernt aus dem Wasser – wurde alles auf Video festgehalten. Hier kann man sich das Video anschauen....
Später versuchen wir uns im so genannten Halibut Harbor am Heilbuttangeln, leider ohne Erfolg! Aber das ist überhaupt nicht schlimm, Halibut Harbor ist so schön, dass wir unsere Angelruten weglegen und ans Ufer paddeln, um uns ein Lager für die Nacht zu suchen. Nur 300 Meter hinter einem durchgewachsenen Niederwald stehen ein paar unglaublich alte Bäume. Mit unserer Zeltausrüstung in Trockensäcken unterschiedlicher Form und Größe kommen wir da aber unmöglich hin. Ach, wenn wir doch nur ein paar Osprey Argon 110 dabei hätten! 20 Kilo in Trockensäcken 300 Meter durch dichtes Gestrüpp zu schleppen ist kein Zuckerschlecken. Und nirgendwo findet sich ein Plätzchen, wo sich ein Zelt aufschlagen ließe. Der Boden ist dick mit Laub bedeckt, die Bäume stehen zu dicht und die Flora ist nicht sehr vielfältig. Alles Folgen von jahrzehntelanger Abholzung und mangelnder Kontrolle des Durchwuchses. In Südost-Alaska werden Wälder nicht neu bepflanzt, wie es im Nordwesten der USA üblich ist. Infolgedessen wachsen Bäume unkontrolliert allein nach und stehen oft zu dicht.
Letztendlich entscheiden wir uns dafür, an Bord der MS Na Pali zu kampieren. Das Wetter ist toll – blauer Himmel und es weht kaum ein Lüftchen – was an diesem Fleckchen Erde sehr ungewöhnlich ist. Aber keiner beschwert sich und wir erfreuen uns an einem langen Sonnenuntergang, der sage und schreibe DREI Stunden dauert. In Alaska macht der Spruch "Wollen wir ein Bierchen trinken und uns den Sonnenuntergang anschauen?" einfach keinen Sinn. Er müsste wohl eher "Wollen wir ein Sechserpack Bier trinken und uns den Sonnenuntergang anschauen?" lauten. Ich bin mir sicher, dass deshalb in Alaska so viel Bier verkauft wird.
Am nächsten Tag steht Angeln auf dem Programm. Als erstes versuchen wir uns am Lachsangeln an der Küste der Insel Maurelle, die vollständig unerschlossen ist. Wir versprechen uns jedoch keine große Ausbeute, da das noch zu kalte Wasser die Fische von der Ufernähe fernhält. Also fahren wir hinaus zu den Heilbuttgründen und bald beißen die Gründler an. Alle fangen mindestens einen Heilbutt. Alle außer mir. Ich fange eine Seeratte. Jawohl, eine Seeratte!. Zum Glück teilen meine Kameraden ihren Fang mit mir und am nächsten Tag entdecke ich eine Band aus Ketchikan – die "Ratfish Wranglers" (die Rattenfisch-Cowboys), es ist also nicht alles verloren. Hier kann man sich ihre MySpace-Seite ansehen: http://profile.myspace.com/index.cfm?fuseaction=user.viewprofile&friendid=
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John, Hans und mir hat unser Ausflug in den Tongass klar gemacht, wie einzigartig dieses Gebiet und die hier lebenden Menschen sind. Letzen Endes möchte niemand, der hier lebt, dass die alten Bäume immer weiter gefällt werden. Bis vor Kurzem stießen Umweltschutzorganisationen, die sich für den Schutz dieser Wälder einsetzten, bei den Einheimischen auf Misstrauen und Ablehnung. Die Dynamik ändert sich jedoch allmählich. Wie Tim Bristol bei einer unserer vielen Unterhaltungen während der Reise sagte: "Irgendwann kommt man an einen Punkt, wo man seine Strategien ändern und daran denken muss, dass wir alle Nachbarn sind."
Mit 70000 Quadratkilometer Fläche ist der Tongass der größte Nationalforst der USA. 23000 Quadratkilometer sind Wildnis, von denen aber nur 30 % mit Bäumen bewachsen sind, der Rest ist mit Berggletschern und Felsen bedeckt. Tatsache ist, dass über die Hälfte des alten Baumbestands bereits abgeholzt wurde. Noch nie war das öffentliche Bewusstsein und Engagement für den Schutz der verbleibenden Bäume so hoch, sowohl auf nationaler wie auch auf lokaler Ebene. Seit über zwei Jahrzehnten wurden nichts mehr in diesem Gebiet als Wildnis deklariert. Die örtliche Wirtschaft hat zum größten Teil von der Abholzung alter Bäume Abstand genommen. Und trotzdem sieht der Forstplan für den Tongass noch immer massive und unrealistische Holzeinschläge vor.
Nehmen Sie sich bitte ein paar Minuten Zeit, um mehr über den Tongass und die bevorstehenden Aktionen im Kongress zu seiner Rettung zu lesen. Fahren Sie dorthin. Gehen Sie mit Kapitän Mike an Bord der MS Na Pali. Wandern Sie durch den Regenwald. Fangen Sie eine Seeratte. Besuchen Sie ein Konzert der Ratfish Wranglers. Trinken Sie ein Sechserpack Bier beim Sonnenuntergang. Bestaunen Sie die unglaubliche Schönheit der Natur. Genießen Sie die Stille, die saubere Luft und die Hülle und Fülle an LEBEWESEN. Erfreuen Sie sich am Regen. Es gibt nicht mehr allzu viele Orte wie diesen auf der Erde. Wir dürfen nicht zulassen, dass er zerstört wird!
Gareth Martins
August 2008